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Vertiefende Beiträge über Streichinstrumente und die Geschichte des Geigenbaus


Die Barockgeige - mehr als Darmsaiten


Die Frage nach der Barockgeige kennt keine eindeutigen Antworten:
Anmerkungen zu einem retrospektiven Begriff


Nie wurde die Barockgeige so geliebt wie in der Gegenwart: Seit den 1950er Jahren wächst das Renommee barocker Streichinstrumente, im gleichen Maße, in dem die historische Aufführungspraxis von einer Revolution zu einem anerkannten Interpretations-Standard avancierte. Längst ist der Ton der Barockvioline – „leise, aber von süßer Schärfe“, nach dem Diktum von Nikolaus Harnoncourt – nicht mehr nur eine Angelegenheit verschworener Zirkel Alter Musik. Vielmehr scheint er gerade einer lauten, akustisch überladenen Zeit wie der unseren gemäß zu sein. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass schon das Wort „Barockgeige“ jung und schillernd ist, wenigstens, wenn man darunter mehr als ein mit Darmsaiten bespanntes Streichinstrument versteht.


Die Entstehung der Barockgeige ist die Entstehung der Geige


Wie viele historische Begriffe ist auch die „Barockvioline“ eine Erfindung im Rückblick, eine Verallgemeinerung, die erst dadurch möglich wurde, dass sich die geigenbauerischen Innovationen des 19. Jahrhunderts gegenüber den Charakteristika älterer, „barocker“ Streichinstrumente abgrenzten. Der Begriff setzt also nicht nur das Ende des „barocken Zeitalters“ voraus, sondern auch die Etablierung des modernen Violinstandards; dieser hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angekündigt und war mit Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend ausformuliert und durchgesetzt. Dabei fallen die Epochen der Barockmusik und des „barocken“ Geigenbaus weder zusammen, noch sind sie voneinander zu trennen: In ähnlicher Weise wie bei der Entwicklung des Geigenbogens waren es neue musikalische Interessen, die bauliche Verbesserungen erforderten und ihrerseits von diesen befeuert wurden. So gaben die gestiegenen klanglichen Anforderungen der repräsentativen höfischen und kirchlichen Musik der Renaissancezeit wahrscheinlich die entscheidenden Impulse zur Entwicklung der Barockgeige – um damit wiederum maßgebliche Grundlagen für die Entstehung der Barockmusik zu schaffen. Während in den Werkstätten Stainers, der Amatis, Antonio Stradivaris und von Guarneri del Gesù die Summe einer langen Entwicklung gezogen wurde und Instrumente mit vollendeten Klangqualitäten entstanden, gingen die Komponisten der Bologneser Schule, am Hof von Mantua und nicht zuletzt der große Arcangelo Corelli entscheidende Schritte zur virtuosen Streichmusik des Frühbarock.


Definition in Abgrenzung zur modernen Geige


Diese wechselseitige Beeinflussung führte die etablierten Standards im Streichinstrumentenbau während des 18. Jahrhunderts wiederum an ihre Grenzen. Die weiter gewachsenen Repräsentationsbedürfnisse der absolutistischen Herrscher und die bürgerliche Konzertpraxis seit der Französischen Revolution verlangten erneut nach einer Steigerung der Klangkraft: Größere Aufführungsformate und Ensembles begründeten dabei ebenso ein neues Interesse an den klangstärkeren Instrumenten von Stradivari und Guarneri gegenüber den leiseren Arbeiten von Nicolo Amati und Jakob Stainer, wie sie zur experimentellen Weiterentwicklung des Geigenbaus anregten. Die Neuerungen konzentrierten sich zuerst auf die Stärke und die schwingende Länge der Saiten, deren Veränderung unmittelbar eine Anpassung der Steghöhe erforderlich machte. Höhere Stege bedeuteten wiederum einen größeren Saitendruck und -zug, der die Solidität des bislang nur aufgeleimten und durch den Oberklotz vernagelten Halses überforderte. So enstand das augenfälligste Merkmal moderner Geigen, der schräg in den Oberklotz eingesetzte Hals mit seinem deutlich längeren Griffbrett, dessen Winkel dadurch auch nicht mehr durch einen untergelegten Keil hergestellt werden musste. Natürlich blieb auch das Innenleben des Geigenkorpus von diesen Veränderungen nicht unberührt: Schon in der Renaissance hatte man die positiven Auswirkungen von Stimmstock und Bassbalken auf das Schwingungsverhalten des ganzen Instrumentes eher zufällig entdeckt, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Decke gegen den gesteigerten Saitendruck abzusichern. Nun ließen die weiter veränderten physikalischen Verhältnisse kräftigere Stimmen und verlängerte, stärkere Bassbalken erforderlich werden, von denen letztere zudem nicht mehr aus dem Holz der Decke herausgearbeitet, sondern aufgeleimt wurden. Noch unbemerkt war mit diesen Grundzügen des modernen Geigenbaus auch eine Definition der Barockgeige entstanden, und sei es nur als Summe der Charakteristika einer überwundenen, alten Bauart.


Weitere Veränderungen, insbesondere der Wechsel von Darmsaiten zu Saiten aus Stahl oder Kunststoff im 20. Jahrhundert, und die kontinuierliche Anhebung des Kammertons, festigten die Geltung dieses neuen Violinstandards. Fast zeitgleich setzte ein spezifisches Interesse an Alter Musik und den zugehörigen Instrumenten ein, für das im frühen 20. Jahrhundert Ensembles wie die „Société de concerts des instruments anciens“ und die „Deutsche Vereinigung für Alte Musik“ stehen. Spätestens mit der Etablierung der historischen Aufführungspraxis bestand damit auch für den Geigenbau ein neuer Anlass, sich mit der vormodernen Bauweise von Streichinstrumenten zu befassen. Heute unternehmen nicht wenige Geigenbauer gern experimentelle Ausflüge in dieses Sujet, und manche Werkstätten haben sich auf den Bau und die Reparatur barocker Streichinstrumente vollständig spezialisiert. Unabhängig von eindeutig zuordbaren, epochenbezogenen baulichen Merkmalen, lassen sich Barockgeigen in vier instrumentengeschichtliche Gruppen einteilen:

a) die antiken, vormodernen Instrumente, die von der Entstehung der Violinfamilie bis zur Durchsetzung des modernen Standards gebaut wurden; sie sind nur sehr selten noch in ihrem originalen Zustand erhalten, s. b),

b) Instrumente der Gruppe a), die um die Wende zum 19. Jahrhundert „all'uso di Parigi“, also nach der Art der führenden Pariser Modernisierer umgebaut wurden,

c) recht selten vorkommende, anachronistische Barockgeigen des 19. Jahrhunderts und

d) Kopien bzw. Nachbauten der jüngeren Zeit und der Gegenwart, die ihren Teil zur Entwicklung eines relativ einheitlichen barocken Geigenbau-Stils geleistet haben.



Barockgeigen heute


Innerhalb der in ihrem ursprünglichen Zustand erhaltenen Barockgeigen fällt eine nähere Festlegung also schwer, die nicht ex negativo von der modernen Geige abgeleitet ist. Anders gesagt, scheint gerade die atemberaubende Vielfalt das typischste Merkmal vormoderner Geigen zu sein, die sich an den Originalen des 16. bis 18. Jahrhunderts ablesen lässt. Wenig normiert, weit offen für regionale und familiäre Traditionen, ist hier eine der komplexesten und interessantesten Kulturleistungen Europas in ihrer über Generationen reifenden Entwicklung zu beobachten. Und keineswegs waren alle ihre Erzeugnisse von jenem oben genannten, leisen und süß-scharfen Klang; dieser ist seinerseits vielleicht weniger als ein historisches Charakteristikum zu werten, denn als eine Erwartung und ein Klangideal, das im Kontext der Rückbesinnung auf eine Zeit entstand, aus der weder Tonaufnahmen noch durchweg verlässliche Texte vorliegen. Vermutlich ist es gerade diese Uneindeutigkeit, die den Pionieren der Alten Musik einen Weg aus der zunehmend normierten Welt des 19. Jahrhunderts wies, und die heute den großen künstlerischen Freiraum in der Interpretation Alter Musik eröffnet. Tatsächlich gehört barocke Spieltechnik mittlerweile zur Streicher-Ausbildung, mindestens im Studium, und die Konzerte und Veröffentlichungen der letzten Jahre strafen den alten Vorwurf musealer Stagnation gründlich Lügen, der die historische Aufführungspraxis lange begleitet hat. So ist man am Ende wieder auf die musikalische Praxis zurückverwiesen, wenn man bestimmen will, was die Barockvioline nun wirklich ist – ein schöner Zug der Musikgeschichte!


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