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Vertiefende Beiträge über Streichinstrumente und die Geschichte des Geigenbaus


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Savoir-faire: Die Geigenbauer-Familie Chanot


Über die Pioniere des naturwissenschaftlich geschulten Geigenbaus und Botschafter der französischen Schule in England


Der Aufschwung der Naturwissenschaften in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ kaum ein Handwerk unberührt, und auch der Geigenbau erlebte eine Zeit der Experimente, in der die Grenze zwischen seriöser Forschung und blindem Erkenntnisfuror fließend war. Nicht wenige historische Meisterinstrumente fielen der Empirie zum Opfer und wurden auf der Suche nach den Geheimnissen ihrer Erbauer nachgerade seziert; gleichzeitig erdachten innovative Geister neue Geigenformen, in denen selbst heutige Betrachter eher futuristische Designobjekte sehen als ernstzunehmende Musikinstrumente. Während also manche Violine von Stradivari, Guarneri und Amati seit jenen Tagen unwiderbringlich verloren ist, lassen sich die abenteuerlichen Werke dieses Fortschrittsenthusiasmus noch heute bewundern – meist in Museen, Sammlungen und Archiven, in denen sie noch zu Lebzeiten ihrer Erbauer rasch verschwanden. Denn so viele Neuerer der Geigenbau zwischen 1800 und 1850 auch zählte – der Geschmack des Publikums hing an der gewohnten, barocken Erscheinung der Violine, und erfolgreich war, wer das Neue mit dem Alten geschickt zu verbinden wusste.

Georges Adolphus Chanot, Violine Nr. 119

George Adolphe Chanot, Violine Nr. 119

Herkunft: Manchester
Erbauer: George Adolphe Chanot
Bodenlänge: 35,4 cm
Jahr: 1899

George Adolphe Chanot, Violine Nr. 79 von 1896 - Decke

Violine Nr. 79 von George Adolphe Chanot

Herkunft: Manchester
Erbauer: George Adolphe Chanot
Bodenlänge: 35,6 cm
Jahr: 1896

Die größte Meisterschaft in dieser Gratwanderung hat unbestritten der legendäre Pariser Meister Jean-Baptiste Vuillaume bewiesen, aber auch die luthiers der aus Mirecourt stammenden Familie Chanot sind beispielhafte Protagonisten ihrer widersprüchlichen Epoche. Die größte Prominenz kommt bis in unsere Tage unzweifelhaft François Chanot zu, denn die Ästhetik seines gitarrenähnlichen Violinmodells kann als paradigmatische Formulierung des modernen Anspruchs gelten, die altehrwürdigen Traditionen des Geigenbaus zu revolutionieren. Schon die wichtigsten Daten seiner Biographie belegen, wie sehr François Chanot als Weggefährte J.B. Vuillaumes den technologischen Aufbruch seiner Handwerkskunst verkörperte, der er auf einem weiten Umweg zum Geigenbau gekommen war. Sein Vater Joseph Chanot gilt als der erste Geigenbauer der Familie, der aus armen Verhältnissen stammte und diese Kunst nicht hauptberuflich ausübte; vielmehr war Joseph Chanot, um seine insgesamt 12 Kinder zu ernähren, zugleich als Winzer und Händler tätig. Der junge François Chanot hatte offenbar wenig Anlass, das väterliche Geschäft zu übernehmen, und nutzte die Chancen einer militärischen Laufbahn bei der Marine, wo er ein erfolgreicher Schiffsbauingenieur wurde. 1816 aus politischen Gründen entlassen, wandte sich François Chanot nicht ganz freiwillig dem Geigenbau zu, und konnte bei diesem Schritt doch sein physikalisch-technisches Studium nicht ganz vergessen.


Von Anfang an versuchte Chanot, zunächst in der väterlichen Werkstatt in Mirecourt, die überkommenen Bauprinzipien der Geige mit naturwissenschaftlichen Methoden zu verbessern. Ausgehend von der These, dass für ein optimales Schwingungsverhalten eine möglichst große Zahl unbeschädigter Holzfasern nötig sei, entwarf er sein eckenloses Geigenmodell mit parallel zum Rand geführten, undekorierten Schalllöchern, das viele Ähnlichkeiten mit der Gitarrenform hat. Ganz dem Geist der Zeit entsprechend legte François Chanot seine Prototypen einer Kommission von Wissenschaftlern zur Überprüfung vor, die sie einem Vergleichstest mit einer Stradivari-Violine unterzogen – und das neue Instrument für überlegen befanden. Trotz des quasi amtlichen Lobes setzte sich Chanots Modell der "Chanot Geige" aber nicht durch, und auch die praktische Innovation der nach hinten gekehrten Schnecke, die das Aufziehen der Saiten erleichtern sollte, scheiterte an der beharrlichen Trägheit, die ästhetischen Konventionen eigen ist.


Beachtung fand François Chanots Arbeit vorwiegend in Fachkreisen, und die historische Bedeutung seines eigenständigen Ansatzes ist unbestritten. Er steht gleichrangig neben den berühmten Experimenten und Erwägungen eines Félix Savart, dessen trapezförmiges Geigenmodell sich genau so wenig durchsetzen konnte wie die Chanot Violine. Wie so viele Innovationen entfaltete die wissenschaftliche Methode dieser beiden Zeitgenossen ihre segensreichen Wirkungen auf indirekte Weise, durch ihre Ausstrahlung in das Schaffen anderer Meister, unter denen an erster Stelle Jean-Baptiste Vuillaume zu nennen ist. Chanots Versuch, sich mit seinen neuen Geigen zu etablieren, zunächst noch innerhalb der Pariser Orgelbauwerkstatt von Simon Lété, führte diese beiden begabten Persönlichkeiten zusammen. Als Gehilfe des rund zehn Jahre älteren Chanot befand sich der junge Jean-Baptiste Vuillaume in einem ambitionierten Umfeld, das von Neugier und weitem Fachwissen geprägt war – und das ihm wesentliche Impulse für seine eigene, beispiellose Entwicklung gegeben hat.


So erschöpft sich auch die Bedeutung der Geigenbauer-Familie Chanot nicht in den Experimenten ihres ersten bedeutenden Vertreters François Chanot, und mehr noch als ihm hat die Musikwelt seinem Bruder Georges Chanot und dessen Nachkommen viele ausgezeichnete Instrumente zu verdanken. Georges Chanot, der nach Georges Chanot „du Joly“, dem vermutlichen Stammvater der Familie auch Georges II genannt wird, begann seine Laufbahn zunächst bei seinem Vater, folgte aber bald François nach Paris, wo er in der Létéschen Werkstatt an dessen Projekt mitarbeitete. Nach weiteren Stationen als Gehilfe bei verschiedenen Pariser Meistern, unter anderem bei Charles-François Gand, gelang Georges Chanot 1823 schließlich die ersehnte Gründung einer eigenen Werkstatt. In ihr entstanden auch einige Geigen, die Georges Vater Joseph Chanot bei einem längeren Besuch 1830, kurz vor seinem Tod baute; sie wurden später von seinem Sohn fertiggestellt und, wohl bereits im Andenken an den Verstorbenen, neben George Chanots Zettel mit dem Brandstempel „J. CHANOT“ versehen. Diese Werkstatt ist aber auch der Schauplatz einer nicht nur in der Geschichte des Geigenbaus außergewöhnlichen Lebens- und Arbeitsbeziehung, die der junge Meister mit Florentine Démolliens einging. Sie wurde seine Schülerin, die er vermutlich zu einer vorzüglichen Geigenbauerin ausbildete; sie war seine Frau, mit der er, zunächst unverheiratet, mehrere Kinder hatte, und sie trug als seine Geschäftspartnerin zum Erfolg des Hauses Georges Chanot bei – wie stark und auf welche Weise ist nicht vollständig bekannt. 1840 erkrankte Florentine und zog sich auf das Land zurück, begleitet und gepflegt von ihrem Dienstmädchen Rose Chardon, deren Schwester Antoinette den verwaisten Platz in der Werkstatt einnahm – und Georges bald auch die abwesende Gattin ersetzte. Ihr 1843 geborener Sohn Marie-Joseph Chardon erfuhr erst als Erwachsener, dass sein Taufpate Georges Chanot eigentlich sein leiblicher Vater war, der Antoinette erst 1859, nach dem Tod Florentines heiratete.


Trotz dieser unübersichtlichen Lebensumstände gehört Georges Chanot zu den besten und erfolgreichsten Geigenbauern der französischen Schule im 19. Jahrhundert, und sein Ruf als Meister, Reparateur, kenntnisreicher Experte und Händler ist bis heute ohne Makel. 1868 zog Georges Chanot sich aus dem Geschäft zurück, das Marie-Joseph übernahm und gemeinsam mit seiner Frau Genevieve führte – der dritten interessanten Frau in der Geschichte der Chanot-Chardons. Sie begründeten die französische Linie der Familie, die über viele Generationen ihrer Kunst verpflichtet blieb. Doch auch die Söhne aus Georges Chanots erster Ehe gerieten nach ihrem Vater – zum Teil in ihren privaten Lebensverhältnissen, vor allem aber als talentierte und erfolgreiche Geigenbauer und -händler. Sie brachten den anderen Zweig der Familie Chanot nach England, wo zunächst Georges ältester Sohn Adolphe Chanot seine Lehrzeit verbrachte und sich später auch sein Bruder Georges III Chanot als Händler etablierte, nach einer Zeit als Assistent bei Charles Maucotel. Georges III erzielte gute Einnahmen in London, nicht zuletzt mit Instrumenten seines Vaters, die aber zu einem großen Teil durch seinen ausschweifenden Lebenswandel aufgezehrt wurden. 1881 war er in ein aufsehenerregendes Gerichtsverfahren um eine vermeintliche Bergonzi-Violine verwickelt, die Georges persönlich mit einem falschen Zettel versehen und teuer verkauft hatte. Erst ein Gutachten von William Ebsworth Hill veranlasste ihn, den Betrug einzugestehen, den er aber sogleich als branchenübliches Verfahren verteidigte – freilich ohne das Gericht überzeugen zu können.


Ungeachtet seiner fragwürdigen Moral erwarb sich Georges III den bleibenden Ruhm, einer der besten Londoner Geigenbauer des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein, dessen Werkstatt regelmäßig von berühmten Violinisten wie Joseph Joachim, August Wilhelmj und Henryk Wieniawski besucht wurde. Er gewann viele Auszeichnungen auf britischen Ausstellungen, und wurde 1878 sogar als einziger „englischer“ Geigenbauer in Paris mit einer Medaille gewürdigt. Seine Söhne, die in die handwerklichen Fußtapfen ihres Vaters traten, wuchsen zu ebenbürtigen Meistern heran: Joseph Antony Chanot lernte in der familiären Werkstatt und führte sie über den Tod von Georges III hinaus; hier wurde auch George Adolphus Chanot ausgebildet, der älteste der Brüder, der zudem eine Zeit in der Pariser Werkstatt der Chanot-Chardons verbrachte und sich 1879 im englischen Manchester selbständig machte. Frederick William Chanot etablierte sich nicht nur als Geigenbauer sondern auch als bekannter Musikverleger. Sie sind beispielhaft für das hohe Niveau, mit dem Nachkommen der Chanots bis in die jüngste Zeit hinein die Familientradition fortführten – eine Geigenbauer-Dynastie, die von einem Mirecourter Arbeitersohn begründet worden war, wie nur wenige andere über Generationen höchste Anerkennung genoss, und grenzüberschreitende Spuren im europäischen Geigenbau hinterließ.



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