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Vertiefende Beiträge über Streichinstrumente und die Geschichte des Geigenbaus


Rembert Wurlitzer und der Weg der alten Geigen


Rembert Wurlitzer: Einführung in die Geschichte des US-amerikanischen Geigen-Experten und seines Unternehmens


Wer die Reise alter Streichinstrumente durch die Zeit verfolgt und dabei immer wieder auf vertraute Namen trifft, der kann sich zuweilen des Eindrucks nicht erwehren, es gebe etwas wie sichere Häfen, die eine antike Geige von Stradivari, Guarneri oder Vuillaume beinahe zwangsläufig anlaufen muss; und das nicht selten mehrfach während ihres musikalischen Lebens, das um so viel länger ist als ein Menschenalter. Für rund achtzig Jahre war die Violin-Abteilung des amerikanischen Unternehmens Wurlitzer ein solcher Hafen, an den viele der wertvollsten Meistergeigen gelangten, instandgesetzt, begutachtet und gehandelt wurden. Angesichts dieser verschwindend kurzen Zeit – nach dem Maß der Geschichte – hat der Name Wurlitzer erstaunlich oft seinen Platz in den „Biographien“ antiker Instrumente gefunden. Und auch in den Lebensläufen vieler großer Fachleute und Geigenbauer des 20. Jahrhunderts kommt er vor, verbrachten sie doch entscheidende Jahre bei Rembert Wurlitzer und wurden auf ihre jeweils eigene Weise zu seinen Erben.

Weit zurück in die europäische, genauer: in die sächsische Tradition des Musikinstrumentenbaus reicht die Geschichte der Familie Wurlitzer: Aus den vogtländischen Orten Wernitzgrün, Erlbach und Schöneck stammen mehrere, auf verschiedene Instrumentengattungen spezialisierte Zweige der Familie. Ihre verwandtschaftlichen Zusammenhänge werfen viele offene Fragen auf, lassen sich aber durchaus bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. 1853 verließ Rudolph Wurlitzer, ein 1831 geborener Schönecker Instrumentenmacher, seine Heimat, um sich in Cincinnati anzusiedeln und dort den Grundstein für eine der vielseitigsten und erfolgreichsten Unternehmungen zu legen, die die Musikgeschichte der U.S.A. gesehen hat. Entscheidend begünstigt wurde sein Aufstieg durch den Sezessionskrieg, durch den die Firma zu einem der führenden Lieferanten von Blasinstrumenten und Trommeln wurde und stark expandieren konnte. Um die Jahrhundertwende erreichte sie den lang anhaltenden Zenit ihrer Entwicklung, indem die zweite Generation der Familie, geführt durch Rudolphs ältesten Sohn Howard Eugene Wurlitzer, mit sicherem Geschäftssinn auf Bau und Handel der damals äußerst populären automatischen Musikinstrumente setzte. Wenig später schrieb das Unternehmen mit seinen Theaterorgeln an der Kulturgeschichte des Kinos mit, die der Nachfrage nach vielseitigen Begleitinstrumenten für die Stummfilme perfekt entsprachen.


Es war nicht zuletzt dieser imposante wirtschaftliche Erfolg, der es Rudolphs zweitem Sohn Rudolph Henry Wurlitzer ermöglichte, im Jahr 1891 nach Berlin zu gehen, um sich bei führenden Persönlichkeiten seiner Zeit - Emanuel Wirth, Oskar Fleischer, Hermann von Helmholtz und August Riechers – in Violinspiel, Musikinstrumentengeschichte, Akustik und Geigenbau ausbilden zu lassen. Ausgestattet mit dieser Expertise demonstrierte er nach seiner Rückkehr in die U.S.A., dass sich die Wurlitzers sehr wohl auch in den erlesensten Nischen des Musikinstrumentengeschäfts zu bewegen verstanden. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatten über 200 wertvolle antike Streichinstrumente ihren Weg zu Rudolph Henry Wurlitzer gefunden, darunter einige der größten Meisterwerke der Geigenbaugeschichte. 1930 trat Rudolph Henrys Sohn Rembert Wurlitzer in das Unternehmen ein, nachdem auch er an den namhaftesten Orten Europas seine Kunst erlernt hatte. Sein Weg führte ihn nach Mirecourt, in die Werkstatt Amédée Dieudonnés, wo 22 Jahre später auch Bernard Millant und Etienne Vatelot ausgebildet werden sollten – um ihr Wissen danach bei dem längst zur weltweit anerkannten Autorität gereiften Rembert Wurlitzer in New York zu vervollkommnen.

Nach einem weiteren Jahr in London, als Gast bei Alfred Hill von W. E. Hill & Sons, kehrte Rembert nach Amerika zurück und übernahm die Führung der Violin-Abteilung der Wurlitzers, die er 1937 nach New York verlegte und 1949 vom familiären Unternehmensverband löste, um sie als eigenständige Firma bis zu seinem Tod im Jahre 1963 zu leiten. In diesen vergleichsweise wenigen Jahren erwarb sich Wurlitzer einen weltweit unangefochtenen Ruf als Experte, dessen Gutachten, Zertifikate und Fotografien bis heute zu den gewichtigsten Referenzen über antike Streichinstrumente zählen. Aber nicht nur als Fachmann, sondern auch als Freund und Förderer großer Musiker, darunter Namen wie Kreisler, Oistrach und Stern, sowie als Vertrauter der Eigentümer wertvoller Instrumente hat sich Wurlitzer seinen bleibenden Platz in die Musikgeschichte erworben. Mehr als die Hälfte der bekannten Stradivari-Instrumente sollen ihren Weg durch sein Geschäft und seine Werkstatt genommen haben. Nach 1963 führte seine Witwe Anna Lee Wurlitzer gemeinsam mit Fernando Sacconi die Geschäfte weiter und konnte mit dem Erwerb der Sammlung Hottinger 1965 einen letzten aufsehenerregenden Markstein der Firmengeschichte setzen, bevor das Unternehmen im Jahre 1974 aufgelöst wurde.


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Literaturhinweise: Cynthia Adams Hoover, Wurlitzer, 1. History of the Company. In: The new Grove Dictionary of Music and Musicians, Bd. 27, S. 592 ff.; Charles Beare, Wurlitzer, Rembert. A. a. O., S. 594f.



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  • Jean-Joseph Honoré Derazey: feine Französische Violine (Zertifikat Hieronymus Köstler)
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