Carlson & Neumann, Cremona - Porträt von Bruce Carlson und Bernard Neumann

Die Geschichte von Bruce Carlson und Bernard Neumann handelt davon, wie man Stradivari mitten im Pazifik findet – und was ihr international renommiertes Atelier mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat.

 

Übersicht

Bruce Carlson

Die Geschichte der Geigenbauwerkstatt von Bruce Carlson und Bernard Neumann – die zu den renommiertesten Ateliers in Italiens traditionsreicher Geigenbaustadt Cremona gehört – beginnt mitten im Pazifik: Auf der US Naval Base Guam leistete der gerade 20-jährige, aus Flint, Michigan stammende Carlson seinen Militärdienst, als ihm in der Bibliothek des Stützpunkts eines Tages ein Buch in die Hände fiel, das sein Leben verändern sollte: Das Standardwerk der Gebrüder Hill über Antonio Stradivari. Begeistert nutzte er seine freie Zeit für erste geigenbauerische Versuche, die er 1971 in seiner Heimatstadt unter der Anleitung von Felix Wickstrom fortsetzte. 1972 begann Carlson, der, wie er selbst sagt, zuvor kaum wusste, wo Italien lag, seine Ausbildung an der Geigenbauschule von Cremona. Während eines Intermezzos bei Hans Weisshaar in Los Angeles verfeinerte er zwischen 1974 und 1977 seine Kenntnisse in Restaurierung, um gleich anschließend in die Lombardei zurückzukehren, 1978 sein Diplom in Cremona abzulegen – und an Ort und Stelle eine Familie und eine Werkstatt zu gründen.

Es mag seinem vollständig unitalienischen Namen geschuldet sein, dass Bruce Carlson die Schwerpunkte seiner Arbeit frühzeitig im Bereich der Restaurierung setzte statt sich mit neuen Instrumenten zu profilieren; denn internationale Kunden suchen, wie er vermutet, in Cremona nach durch und durch italienischen Instrumenten, und da bleibt ein schwedisch-amerikanischer Name – bei aller Treue zu den altitalienischen Prinzipien der Geigenbaukunst, der sich Carlson verpflichtet fühlt – doch mindestens erklärungsbedürftig. Unter einem italienischen Phantasienamen zu arbeiten, an denen die Geigenbaugeschichte durchaus nicht arm ist, kam für ihn allerdings nie in Frage, und so avancierte Carlson zu einem Experten, der in italienischen und internationalen Fachkreisen höchste Wertschätzung erfährt: Als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees der Ausstellung zum 250. Todestag Antonio Stradivaris, als Assistent von Charles Beare bei der Arbeit an seinem berühmten Stradivari-Buch und als Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses zur großen Guarneri-Ausstellung 1995 hinterließ er bleibende Spuren in der Forschung und prägte die Jurys bedeutender internationaler Geigenbauausstellungen. Als Restaurator des Museo Stradivariano in Cremona konnte er an zahlreichen hochrangigen historischen Instrumenten arbeiten, darunter die berühmte „Cannone“ von Guarneri del Gesù, und seine Restaurierungskurse haben mehrere Generationen junger Geigenbaumeister beeinflusst.

Bernard Neumann

Auch Bernard Neumann, Bruce Carlsons Partner, musste einen weiten Weg aus seiner Heimat in Kanada zurücklegen, um schließlich in Cremona heimisch zu werden – und am Anfang dieser Reise stehen die Erzählungen seines Großvaters, der als Soldat im Ersten Weltkrieg in Brescia stationiert war und Gelegenheit fand, Cremona als die Wirkungsstätte des großen Antonio Stradivari zu erkunden. Neben dem Traumbild der fernen italienischen Stadt benennt Neumann aber noch eine andere, auf den ersten Blick profanere Wurzel seines Schaffens: die regelmäßige Arbeit mit Holz, zu der ihn sein Vater anhielt, ein unablässiges Werken am und um das Haus der Familie. Ungezählte Stunden immer feiner werdender Holzarbeit später gelangte er zum Studium an die Cremoneser Geigenbauschule; hier traf er Bruce Carlson, mit dem er seit 1986 zusammenarbeitete und 1991 das „Carlson Cacciatori Neumann & C.“ gründete.

Obwohl beide Meister aus der Zeit ihrer Ausbildung und durch ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit fraglos viel gemeinsam haben, sind wichtige Unterschiede in ihrem Zugang zum Geigenbau doch offenkundig – eine künstlerische Spannung, die wohl ihren Teil zum großen internationalen Erfolg ihrer Werkstatt beiträgt. Denn anders als Carlson kam Bernard Neumann über das Violinspiel zum Geigenbau – und entdeckte das Geschehen an der Werkbank als die künstlerische Ausdrucksmöglichkeit, die ihm am besten entsprach. So unterstreicht Neumann, dass neben der großen handwerklichen Vielfalt besonders der stete Wechsel zwischen Phasen zurückgezogener, meditativer Arbeit und intensivem Austausch mit Musikern, Kollegen und Experten die Arbeit des Geigenbauers auszeichnet. Dem entsprechend versteht Bernard Neumann den Bau einer Geige als einen Prozess, in dem jeder Schritt von ein und derselben Person konzipiert und ausgeführt werden sollte: Von der Entwicklung der musikalischen Idee, die sowohl auf dem bisherigen Werk des Geigenbauers aufbaut als auch auf dem künstlerischen Gespräch, an dem er Anteil hat, über die Wahl der Hölzer bis hin zur Lackierung. Dabei arbeitet Neumann primär „für sich“, in dem Sinne, dass er alle Entscheidungen ausschließlich vor dem Hintergrund seines eigenen Werkes trifft und nicht im Auftrag arbeitet – und es als besonderes Glück empfindet, wenn ein Instrument von seiner Hand anschließend eine tragende Rolle im Leben eines Musikers einnimmt.

Carlson & Neumann heute

Ihren unterschiedlichen, einander ergänzenden Interessen, Begabungen und Erfahrungen entsprechend hat sich das gemeinsame Atelier von Bruce Carlson und Bernard Neumann zu einem internationalen Anlaufpunkt für Musiker entwickelt, die hier Geigenbauer- und Restauratorenleistungen auf höchstem Niveau, aber auch interessante neu gebaute Instrumente finden. Über den klassischen Kanon an Restaurierungsmethoden hinaus greifen Carlson und Neumann auf Ansätze aus dem Bereich der Naturwissenschaft zurück, z. B. Analysen mit Hilfe von UV-Licht und Röntgenaufnahmen. Mit dendrochronologischen und schonenden endoskopischen Untersuchungen gewinnen die beiden Meister eine solide Basis für die Planung komplizierter restauratorischer und konservierender Maßnahmen – bei deren Ausführung sie auf ihre hervorragende Ausbildung und lange Erfahrung mit den klassischen Techniken des Geigenbaus zurückgreifen, die wohl an keinem Ort so sehr zu Hause sind wie in Cremona.

 

Weiterführende Links:

Eric Blot und der italienische Geigenbau

Bibliothek - Textsammlung zur Geschichte des Geigenbaus

Online Katalog | Hochwertige Violinen, Bratschen, Celli und Streichbögen (Audio Klangproben)

Instrumente