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Vertiefende Beiträge über Streichinstrumente und die Geschichte des Geigenbaus


Matthias Klotz und der vormoderne Geigenbau in Mittenwald


Die Klotz-Geige und ihre Väter: Eine Familientradition zwischen Meisterschaft und Markenwert


Matthias Klotz legt letzte Hand an: Mit dem erfahrenen Blick des Meisters führt der Mittenwalder Geigenbauer das Messer, um eine neue Violine zu vollenden. Von erstaunlicher Feinheit ist sein Werk, angesichts der kräftigen Gestalt und der mächtigen Hände. Seit dem Herbst des Jahres 1890 scheint das Matthias-Klotz-Denkmal in Mittenwald in dieser Bewegung zu verharren, das der berühmte Erzgießer Ferdinand II Freiherr von Miller mit irritierender Detailtreue geschaffen hat – und für seine beste Arbeit gehalten haben soll. „Nicht ein Symbol, den Mann selber wollen wir vor unseren Augen haben“, insistierten von Millers Auftraggeber vom Mittenwalder Geigenbauer-Verein – und sie bekamen das ideale Porträt eines Handwerkers, von dem kein Bild exisitiert. Es verwickelt den Betrachter in ein vielschichtiges Gespräch: mit den international operierenden Unternehmern Neuner und Baader, die den Wert der „Marke Klotz“ für Mittenwald erkannt hatten und die Errichtung seines Denkmals betrieben; mit den Handwerksmeistern einer bayerischen Kleinstadt, für die der Geigenbau ein Geschenk des Himmels war und die ihren großen Sohn gern in einem Atemzug mit Amati, Stainer und Stradivari nennt; und nicht zuletzt mit den zahllosen Lehrlingen und Gesellen, die seit den Tagen ihres Urvaters Matthias Klotz in kleinen Werkstattzimmern und großen Manufakturhallen tätig sind, in stetiger, sitzender Bewegung, wie es auch das Klotz-Denkmal vor der Mittenwalder Kirche St. Peter und Paul zu sein scheint.

Tatsächlich lässt die Frühgeschichte des Geigenbaus in Mittenwald mindestens so viele Fragen offen, wie sie beantwortet. Ihre bestimmtende Figur heißt Matthias Klotz, denn der Schneidersohn brachte den Geigenbau in seiner Heimatstadt auf jenes Niveau, das seinen Aufschwung im oberen Isartal erst begründete. Gleichwohl ist über den Werdegang von Matthias Klotz so gut wie nichts bekannt – weder, wie er überhaupt zum Geigenbau kam, noch wo er seine erste Ausbildung erhalten hat. Und noch weniger, was für Instrumente er in den ersten drei Jahrzehnten seiner Selbständigkeit baute, denn die ältesten erhaltenen Werke datieren ins Jahr 1712 – sein 59. Lebensjahr! Diese erstaunlich große Lücke hat in der Forschung bislang keine befriedigende Erklärung gefunden. Hätte der Mittenwalder Geigenbauer Matthias Klotz (Matthias Kloz) in dieser langen Zeit keine oder nur wenige Instrumente gebaut, so eine mögliche Hypothese, wäre die Qualität seiner bekannten Arbeiten kaum nachvollziehbar. Dass seine früher entstandenen Instrumente aber allesamt verschollen oder unerkannt geblieben sein sollten, erscheint angesichts seiner Bedeutung für die Musikinstrumentengeschichte auch nicht sehr plausibel.


Mit aller gebotenen Vorsicht ist Matthias Klotz der einflussreichen Füssener Lautenmacher-Schule zuzurechnen; zudem hat er einen Teil seiner Ausbildung offenbar in Italien absolviert, was ein Gesellenbrief von Pietro Railich in Padua belegt. Die oft behauptete Lehrzeit bei Nicolo Amati und ein Aufenthalt bei Jacobus Stainer gehören aber schon zu den fließend ins Reich der Legende übergehenden, unscharfen Rändern seines Lebensweges. Wenn ein Urteil über das Werk des Matthias Klotz auch angesichts der schmalen Überlieferung kaum möglich ist, und wenn er inzwischen auch nicht mehr als der historisch erste Geigenbauer von Mittenwald gilt, so stehen sein großer Erfolg und seine Bedeutung für die Entstehung des Mittenwalder Geigenbaus doch außer Frage. Mit seiner in den 1680er Jahren eröffneten Werkstatt scheint er von Anfang an exzellente Geschäftsmöglichkeiten gefunden zu haben. Die Bergwälder des Karwendelgebirges sicherten reiche Vorräte an erstklassigen Tonhölzern, die Lage Mittenwalds an einem wichtigen transalpinen Handelsweg bedeutete gute Absatzmöglichkeiten – Bedingungen, die Matthias Klotz praktisch ohne lokale Konkurrenz zur Verfügung standen.

So konnte seine prosperierende Werkstatt zahlreiche Lehrlinge und Gesellen beschäftigen, die ihrerseits wichtige Geigenbauerfamilien begründeten. Neben Meistern wie Andreas Jais und Martin Tiefenbrunner, die aus dem Hause Klotz hervorgingen, prägen aber vor allem die vielen Mitglieder der Klotz Dynastie selbst die Wirkungsgeschichte ihres Gründers. Die wechselseitigen Einflüsse und Abhängigkeiten sind – wie bei vielen vergleichbaren, großen Handwerkerfamilien – ein ebenso interessantes wie weites Forschungsgebiet. In einer langen Reihe von mehr als 25 Geigenbauern über acht Generationen behaupteten die Klotz bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine bestimmende Rolle im Geigenbau ihrer Heimat, und soweit die Arbeiten ihrer einzelnen Mitglieder bekannt sind, stellen sie begabte und gut ausgebildete Handwerker vor, die die Treue zur familiären Tradition mit Individualität und Kreativität zu verbinden wussten. Selbst vorzügliche, eigenständige Modelle wie das von Matthias Hornsteiner „Dax“, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirkte, schmälern die Bedeutung der Klotz Violine nicht, sondern treten neben sie, als Ausweis einer regionalen Handwerkskunst, die sich immer weiter verfeinerte und differenzierte.


Der bedeutendste Exponent der ersten Generation Mittenwalder Geigenbauer nach Matthias Klotz ist ohne Zweifel dessen Sohn Sebastian Klotz. Soweit die überlieferten Instrumente zuverlässige Schlüsse zulassen, übertraf der Sohn Sebastian Klotz seinen Vater und Lehrmeister an Innovation und Talent und prägte den Geigenbau seiner Heimat nachhaltig. Sein Geigenmodell ist „die“ Klotz-Violine im engeren Sinne, und Sebastian Klotz hat mit ihr – mehr noch als Matthias – einen eigenständigen künstlerischen Beitrag zur Geigenbaugeschichte geleistet. Dennoch wurde Sebastian nie ein Denkmal gesetzt, und während Matthias Klotz im späten 19. Jahrhundert zur Ikone des Mittenwalder Geigenbaus avancierte, sprechen für den Sohn allein seine Instrumente – und die ihnen folgenden Arbeiten seiner Söhne, Schüler und zahlreichen Nachahmer.


Instrumentengeschichtlich gilt das Klotz-Modell als individueller Weg zwischen den mächtigen Vorbildern, die den Geigenbau dieser Epoche maßgeblich beeinflussten: der italienischen Tradition von Nicolo Amati auf der einen Seite, und dem deutschen Modell Jakob Stainers auf der anderen. Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass das Œuvre von Sebastian Klotz insgesamt von einer erheblichen Variablität gekennzeichnet ist. Spätestens als er den Zenith seiner handwerklichen Entwicklung überschritten und sich erfolgreich etabliert hatte, scheint er sich selbst und seinen Mitarbeitern größere künstlerische Freiheiten zugestanden zu haben – und dies nicht etwa in rein ästhetischen Details, wie sie z. B. in Veränderungen des Lackbildes oder der Schneckengestaltung zu sehen wären, sondern in geigenbauerischen Kernfragen wie der Korpuslänge, der Deckenmensur und der Zargenhöhe. Ungeachtet dieser stilistischen Schwankungsbreite lassen sich aber durchaus charakteristische Merkmale des Klotz Modells beschreiben: eine mittelhohe Wölbung, typisch geformte Wölbungs- und Randhohlkehlen, ein elegant geschwungener Wirbelkasten und die selbstbewusst geformte Schnecke, die mit weitem, früh ansetzendem Maul barocke Üppigkeit ausstrahlt. Auch das Innenleben echter Klotz Geigen offenbart dem geschulten Auge wichtige, unverwechselbare Eigenschaften, vor allem in der Ausführung der Eckklötze und Reifchen. Einteilige Unter- und Oberzargen sowie ein dünner Lack von intensiv brauner Farbe sind weitere Erkennungsmerkmale der Instrumente aus dem Hause Sebastian Klotz.


Auch in der dritten Generation der Klotz Familie und ihrer Lehrlinge sind die Momente von Variation und Weiterentwicklung des überkommenen Erbes als wichtigstes gemeinsames, ja schulbildendes Merkmal anzusehen. So ist bei Georg Klotz II, Sebastians ältestem Sohn, gut zu beobachten, wie er, vom väterlichen Modell ausgehend, nach und nach zu einem umfassenden, eigenen Stil fand. Dieser äußerte sich nicht nur in den außergewöhnlich großen Instrumenten, mit denen sich Georg Klotz von vielen Geigenbauern seiner Zeit unterschied; auch in der Gestaltung der Wölbung, der Hohlkehlen und der F-Löcher ist er zunehmend eigene Wege gegangen. Noch eigenständiger arbeitete jedoch sein Bruder Ägidius Klotz, dessen Patron mit seinen kurzen Oberbügeln von unverwechselbarem, leicht gedrungenem Charakter ist, den die vergleichsweise breite Randeinlage zusätzlich unterstreicht. Noch auffallender als bei seinem Vater Sebastian Klotz und seiner Werkstatt, in der Ägidius Klotz mit größter Wahrscheinlichkeit ausgebildet wurde, ist die Wechselhaftigkeit der Deckenmensuren. Auch die Schnecke führte Ägidius Klotz nach einem ganz individuellen Modell aus, das an einem sehr kurzen Maul leicht zu erkennen ist.


Gerade wegen dieser individuellen Akzente ist die Geschichte der Klotz Violine ein Beleg dafür, dass die Epoche zwischen Stradivari und der breiten Durchsetzung der klassischen Cremoneser Geigenbau-Prinzipien viele autochthone Traditionen kannte, die jede für sich zur Blüte gelangten und von unterschiedlicher normativer Kraft waren, aber gültige Arbeiten hervorgebracht haben. In diesem Sinne steht Sebastian Klotz etwa neben dem Klingenthaler Caspar Hopf, der ein begnadeter Handwerker von vergleichbarer innovativer Kraft und – mindestens regional – dauerhaftem Einfluss war. Auch die rustikal anmutenden barocken Streichinstrumente der sog. Alemannischen Schule in der Schweiz und im südlichen Schwarzwald haben in jüngerer Zeit neue Beachtung erfahren. Für diese Aufmerksamkeit sind nicht allein museale und wissenschaftliche Interessen ausschlaggebend, vielmehr haben die künstlerischen Ansätze der Alte-Musik-Bewegung dafür gesorgt, dass die „musikalische Zeitzeugenschaft“ dieser Instrumente auch in der Praxis gewürdigt wird.


Dieser immer noch relativ junge, differenziertere Blick auf die Geschichte des Streichinstrumentenbaus befreit historische Leistungen wie die Klotz Violine aus dem Korsett ihrer monumentalen Historisierung, und lässt einmal mehr deutlich werden, dass es nicht unbedingt handfeste Nachteile waren, die zum weitgehenden Aussterben dieser von Stradivari unabhängigen Schulen führten. Das Ende der Klotz Ära kam, wie an anderen Orten auch, vor allem durch das Verlegerwesen und durch die Industrialisierung des Geigenbaus in Mittenwald, die auch eine stärkere Vereinheitlichung der handwerklichen Standards bewirkten und den Markt für Streichinstrumente revolutionierten. Diese Entwicklungen veränderten die Funktion des traditionellen Handwerks und seiner profilierten Meister grundlegend, die zwar nicht verschwanden, in einer gewandelten Musikwelt aber eine neue, weniger bestimmende Rolle fanden – oder, wie Matthias Klotz, zu mythischen Gewährsleuten ihrer Nachfolger wurden, die längst für einen globalen Markt produzierten. Mit einer seltenen Violine von Georg I. Kloz, dem ersten Sohn von Matthias Klotz, stiftete Corilon violins dem Geigenbaumuseum Mittenwald ein Schlüsselinstrument der Mittenwalder Geigenbaugeschichte: Georg Kloz, Violine von 1722



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  • Französische Geige, J.T.L., Mirecourt um 1930
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  • Alte 7/8 Geige. Böhmische "Damengeige" um 1940
  • Französische Violine, Didelot von Laberte, 1920er Jahre
  • Feine Violine, Franz Knitl, Freising, 1769
  • Guillaume Maline: Seltene Violine, Frankreich circa 1820
  • Luigi Galimberti, Italienische Geige, Milano 1925 (Zertifikat Eric Blot)
  • SALE: Richard Grünke, Feiner moderner Geigenbogen
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  • Justin Derazey, Französische Violine um 1880
  • Jean-Joseph Honoré Derazey: feine Französische Violine (Zertifikat Hieronymus Köstler)
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